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Meißner hautnah – gerte

Meißner hautnah ist eine Interviewreihe in der wir Menschen zu Wort kommen lassen die auf unterschiedliche Art und Weise mit dem 100-jährigen Jubiläum des Freideutschen Jugendtags auf dem Hohen Meißner in Verbindung stehen. Meißner hautnah soll einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen und persönliche Geschichten festhalten, ganz nah dran und so vielfältig wie die Menschen und ihre Bünde.

Heute im Interview: gerte aus dem DPB der für den Meißner den Bereich Technik geleitet hat und Lagervogt war.

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gerte hat sich in der Vorbereitung des Meißner-Jubiläums um die Technik gekümmert. Das sind vielleicht genau die Dinge die man bei einem Lager wie diesem gar nicht unbedingt sehen soll, weil sie irgendwo im Hintergrund ablaufen. Aber daneben ist gerte auch noch Lagervogt und damit, zusammen mit kani, Chef der ganzen Schose.

Das es nicht ganz einfach sein würde mit ihm Mitten im Lagerbetrieb ein Interview zu führen, war irgendwie klar. gerte ist dauernd unterwegs. Und ist er es nicht, dann bin ich es. Aber nach zwei, drei nicht hundert Prozent energischen Versuchen klappt es. Wir treffen uns an der Pressejurte und suchen uns ein sonniges Plätzchen, ein wenig versteckt, damit wir (hoffentlich) unsere Ruhe haben.

Ich muss gar nicht groß fragen wie gerte zum Meißner gekommen ist und warum er eigentlich den Kram mit der Technik macht. Er erzählt einfach drauf los.

Holger aus meiner Jungenschaft war bei zwei Vorbereitungstreffen dabei und hat mir davon erzählt, dass es da was geben wird. Ja, nächstes Wochenende wäre da wieder ein Treffen und ich hatte total Bock da mal mitzumachen.

Ich hab mich von Anfang an für die Lagertechnik interessiert. Dadurch, dass ich beim THW in einer Gruppe bin, die sich um Notlagerbau mit Strom- und Wasserinstallationen kümmert.

Ich wollte das Wissen, das ich beim THW erlernt habe auch mal in der Praxis anwenden. In einem größeren Stil als bei den eigenen Bundeslagern.

Die DPB-Bundeslager haben vielleicht so 1500 Teilnehmer. Da habe ich das auch zweimal gemacht und es war gut. Dann ergab es sich, wie gesagt, dass Holger meinte, dass am nächsten Wochenende wieder ein Treffen wäre und ich bin mit. Ich hatte Lust und Zeit dafür. Das mit der Zeit war eher Zufall.

Das war so im März 2011. Damals hatte sich alles schon konstituiert. Es gab schon den Koordinationskreis und einen Trägerverein. Ich habe mich dann umgehört, weil ich die Waschstellen gerne koordiniert hätte und nach einem Ansprechpartner gesucht habe. Ich sollte mich an den Verein wenden, weil der laut Satzung dafür zuständig wäre. jack war damals als Leiter für die Lagertechnik vorgesehen und meinte: “Mensch, so jemanden kann man immer gut gebrauchen. Gleich haben wir Vereinssitzung, komm doch mal mit.” bolko als Vorsitzender hat mein Anliegen vorgetragen, es gab keine Einwände/Bedenken, die Hände wurden gehoben und 10min später war ich Mitglied des Vereins.

Wie ich später feststellte, eine sehr exklusive Rolle, da der Verein nur aus 7 Leuten besteht und dass das rechtliche Minimum für einen Verein ist. Ich habe mich zunehmend engagiert in dem Bereich und habe festgestellt, dass es Leute braucht die sich mit der Technik und der Gesetzgebung auch auskennen, sprich Gesundheitsamt, Wasseramt und so.

gerte muss lächeln, als ich bemerke, dass es eine steile Karriere ist, die er hingelegt hat. Aber er ist nicht der Typ, der sich irgendwas darauf einbildet, ganz im Gegenteil. Vieles hat sich so ergeben, war grade praktisch und deshalb auch sinnvoll. Und eigentlich hat er ja nur das gemacht was ihn am meisten interessierte.

Technik war mein ganz klarer Fokus von Anfang an. Programm hat mich ansonsten nicht so interessiert. Nach und nach habe ich immer mehr Bereiche übernommen, weil es das einfachste war es schnell selbst zu machen.

Beim Vorbereitungstreffen auf dem Kochshof bin ich dann offiziell Leiter der Lagertechnik geworden. Das heißt die Bundesführersammlung hat mich darin bestätigt. Ich habe dann ein Team aufgebaut und mich nach kompetenten Leuten umgeschaut.

Der nächste Schritt war dann die Suche nach einem Lagervogt. So richtig fand sich keiner. Franca hat mich dann angesprochen und meinte ich würde doch schon die Arbeit eines Lagervogts machen. Ich meinte daraufhin: “Nee ich mache die Technik und plane das.” Aber die Bundesführerversammlung meinte dann auch, dass das die Aufgaben eines Lagervogts wären. “Na gut, wenn das so ist”, dachte ich. Ob ihr mich nun gerte, Lagertechnik oder Lagervogt nennt, ist mir egal. Ich wollte das Amt nur nicht alleine machen. Ähnliches hat Kani gesagt und wir konnten uns vorstellen in einem Vogtteam zusammen zu arbeiten. Wir wurden gewählt, eingesetzt und schon waren wir Lagervögte.

Irgendwie finde ich ja schon, dass Lagervogt und Technikchef zwei ziemlich unterschiedliche Jobs sind. Als Lagervogt steht gerte auch vor den Teilnehmern, muss z. B. bei der Lagereröffnung eine Rede schwingen. Technikchef klingt für meine Ohren mehr nach nerdigem Fachwissen und der Arbeit im Hintergrund.

Aber gerte scheint mit dieser Doppelrolle gut klar zu kommen.

Kani macht die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Der Verein macht die wichtigen Absprachen mit den Behörden. Ich bin also fast nur für die Technik zuständig. Ist insgesamt eine ganz gute Dreiteilung. Wir sprechen uns untereinander ab und jeder kümmert sich um seinen Bereich.

Repräsentativ ist man noch, wie zum Beispiel bei der Eröffnung. Ich spreche da eher frei Schnauze und Kani bereitet sich da besser vor. Es ist schön, dass da so unterschiedliche Mentalitäten aufeinander treffen, es aber nur wenige Meinungsverschiedenheiten gibt.

Für mich persönlich sind Großlager nicht so ganz fremd, aber viele meiner Freunde kommen aus kleinen Bünden. Mit vielleicht 100 Leuten auf einem Pfingstlager ist alles überschaubar. Meißner 2013 hat andere Dimensionen, das wird jedem spätestens dann klar, wenn man sich den nicht enden wollenden Weg über den Lagerplatz den Berg hinauf gekämpft hat.

Aber was steckt nun hinter den Kulissen? Ich frage gerte nach der Logistik und den Zahlen hinter dem Lager.

Meißner bedeutet zum Beispiel ein riesiges Verkehrskonzept. Von der Gemeinde haben wir die Auflage bekommen, dass wir das Verkehrschaos von ‘88 nicht wiederholen. Wir müssen also 1000-1500 Fahrzeuge koordinieren. Das war ein riesen Akt.

Bei so einem großen Lager bekommt man auch rechtliche Auflagen von den Behörden, zum Beispiel wieviele Dixies man für eine bestimmte Personenanzahl vorzusehen hat.

Das Meißnerlager findet in einem Umweltschutz- und Trinkwassergebiet statt und es wird deshalb viel Wert darauf gelegt, dass hier kein Schmutzeintrag stattfindet.

Wenn man sich die Mengen vor Augen führt, die zusammenkommen: 10 Kubikmeter Fäkalien innerhalb von 2 Tagen. Das würde eine Sickergrube ganz schnell überfordern, auch hygienisch. Selbst die Stadtwerke oder die Klärwerke haben mit den Mengen Probleme.

Die gesamte Gemeinde Frankershausen, Hitzerode und Frankenhain haben zusammen ca. 840 Einwohner. Wir sind gerade 3100 Teilnehmer. Was da an Material zusammenkommt, dem waren wir nicht einfach so gewachsen, darauf mussten wir uns vorbereiten.

An der Stelle beginne ich zu verstehen, dass es ohne diesen ganzen Aufwand nicht geht. Natürlich könnte man einfach ein kleineres Lager veranstalten, aber wenn man sich für ein Lager mit möglichst vielen Menschen auf der grünen Wiese entscheidet, dann muss man wohl oder übel in Kauf nehmen, dass auch Wasserleitungen und Dixies dazu gehören.

Man muss eine bestimmte Logistik haben. So ist es zum Beispiel sinnvoll einen Rettungswagen vor Ort zu haben. Stand gestern: 120 Einsätze innerhalb der ersten 2-3 Tage. Vier davon mit Rettungswageneinsatz, Krankenhausbesuch. Es lohnt sich eine Sanistation zu haben. Dafür müssen aber die Rettungswege frei sein und man muss sie einplanen.

Hygiene ist ein ganz großes Thema. Das wird auch vom Gesundheitsamt forciert. 240 Zapfstellen müssen vor Ort versorgt werden. Ein extra Hydrant wurde für uns gebaut und andere Quellen wurden hinzugezogen.

Aber auf der anderen Seite muss man sich auch klar machen, das es hier nicht um Luxusprobleme geht. Wenn gerte von der Logistik spricht, dann meint er nicht den Pintenbetrieb und die Feierei, dann geht es um Trinkwasserstellen die unumgänglich sind fürs Kochen und Teetrinken. Schaut man zum Beispiel auf den Wasserverbrauch, dann wird schnell klar, dass das Meißnerlager sogar recht sparsam mit den Ressourcen umgeht.

Die Teilnehmer haben hier nicht die Möglichkeit zu duschen, aber fürs Waschen und Zähneputzen. Wir schätzen, dass das Lager bis zum Ende mehr als 400 Kubikmeter Wasser verbraucht. Das ist mehr als der Verbrauch eines Einfamilienhauses im ganzen Jahr.

Aber natürlich möchte ich auch abseits der profanen Zahlen und aller Lagertechnik wissen was Meißner bedeutet. Was ist Meißner 2013 für gerte? Eine einmalige Chance?

Ja, eine einmalige Chance. Aus der Sicht der Technik betrachtet ist es für mich ganz persönlich eine Chance. Für die gesamte bündische Szene ist es aber auch eine super Veranstaltung. Ich habe das Gefühl, dass die bündische Szene sich momentan ein bisschen in einer Talfahrt  befindet.

Zum Beispiel brechen durch die zentrale Vergabe von Studienplätzen Gruppenleiter weg die ihre Heimatorte verlassen müssen. Ich habe das Gefühl, dass eine Vernetzung zwischen den Bünden von Nöten ist. Und genau das findet hier statt. Einmal in der Vorbereitung durch die regionalen Foren und hier jetzt auf dem Lager.

Hier tanzen grüne und blaue Hemden zusammen. Hier sind in den Singerunden die verschiedensten Halstücher zu finden. Hier feiern alle miteinander zusammen EIN Lager und deshalb ist hier eine super Stimmung. Das ist für die bündische Szene ganz wertvoll.

Das ist für mich Meißner. Hier kommt alles zusammen, was bündisch ist.

Es ist für mich aber auch ein riesen Kraftakt. Ich hatte im Vorfeld Phasen, in denen ich einem Burnout nahe war und ich nicht mehr konnte. Während der Lagerdurchführung genieße ich es aber total. Ich ernte jetzt die Früchte meiner Arbeit. Es ist eine tolle Stimmung. Ich werde angesprochen und unsere Arbeit als Vorbereitungsteam wird wertgeschätzt. Da bekomme ich ganz viele Rückmeldungen und das ist toll.

Das merkt man gerte auch an. Ich hatte im Vorfeld unseres Gespräches damit gerechnet, dass alles sehr stressig werden könnte. Dass wir nicht die Ruhe finden, die es für unser Interview vielleicht braucht. Aber tatsächlich läuft es total entspannt. Klar, ab und zu kommt jemand vorbei, der dringend etwas von gerte will, aber er selbst nimmt sich die Zeit und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Man sieht gerte auch die Faszination an heute und hier die Vielfalt der Bünde auf einem Platz zu sehen.

Ich konnte in viele Gruppen rein schnuppern und ganz viele Bräuche kennenlernen. Ich kannte ganz viele Gruppen vorher gar nicht. Vielleicht vom Kirchentag ein bisschen, wenn man da mal die Gelegenheit für hat. Aber hier erlebt man jede Gruppe auch mal, wie sie intern ist. Und ich stelle fest, wir sind alle total gleich. Also es gibt Details keine Frage. Es gibt Tischsprüche, mal ein Gebet, Morgenkreise mit Unterschieden. Aber in Summe ist es alles die gleiche geile Kacke.

Die “gleiche geile Kacke” sagt gerte. Davon ist er überzeugt. Aber was wird davon bleiben? Was wird in zehn Jahren noch übrig sein? Oder ist all das eine vergängliche Luftnummer von der man schon bald nichts mehr spüren wird? Das will ich zum Abschluss von gerte wissen.

Ich glaube was bleibt ist eine Vernetzung zwischen den Bünden und Verbänden. Da habe ich wirklich das Gefühl, dass da was bleibt beziehungsweise einiges erhalten bleibt. Und ich denke, dass davon auch ganz stark überbündische Projekte von profitieren werden.

Ich glaube, dass die Ausstrahlung in die Geschichte oder in die Politik nicht so groß sein wird, wie es vielleicht ‘63 war oder ‘13. Da war die Richtwirkung eine wesentlich größere. Das sehe ich hier jetzt nicht so.

Aber ich glaube, dass durch die Vernetzung der Gruppen etwas bleibt. Die Bindung wird natürlich schwächer werden und Gruppen wieder in ihren alten Trott zurückfallen. Aber ich sehe auch die Option, dass es auch gemeinsame Lager oder Fahrten gibt.

 

Von:

WoHei kam als Spätberufener zum Christlichen Pfadfinderbund Saar. Heute lebt er in Köln, von wo aus es ihn häufig nach Norden zieht. Dort ist er unter anderem als Crewmitglied auf dem bündischen Segelschiff Mytilus unterwegs. Er fotografiert, schreibt und denkt für schwarzzeltvolk.de

4 Kommentare zu Meißner hautnah – gerte

  • Eigentlich erstaunlich, wie aus ein paar hundert Gramm Scheiße pro Person in zwei Tagen 10 Tonnen Fäkalien werden. Nach Hundertwasser sei das wertvoller Kompost, welchen wir mit viel Wasser zu Sondermüll machen, nur dann wieder aufwändig zu klären :-)

  • Achja, das das Verkehrschaos von ‘88 war wirklich ein Problem, die „Ureinwohner“ (Dörfler aus Frankershausen, Hitzerode und Frankenhain) vergessen sowas natürlich nicht.
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    240 Zapfstellen für die (an diesem Tag) 3100 ( in Worten d r e i t a u s e n d e i n h u n d e r t ) Teilnehmer, das sind genaue Infos. Danke.
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    Der gerte und die Mitstreiter vom Vorbereitungsteam verdienen Respekt.
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    Super Interview!!!

  • die lokale Presse berichtete am 26.09.13

    „Es soll 90 mobile Toiletten geben, zum Zeltbau liegen 800 geschlagene junge Fichten und für die Lagerfeuer jede Menge Brennholz bereit. So wird auch eine Lager-Feuerwehr gebildet. Und eine Sanitätsstation am Rande des Lagers ist stets mit Notarzt und Rettungsassistenten besetzt.“

    http://www.werra-rundschau.de/lokales/eschwege/3500-jugendbewegte-jubilaeumslager-3133801.html

  • Wer einmal anfing, die Blaue Blume zu suchen, den lässt es nie wieder los….

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