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Asienfahrt – Sechste Passage

Die Fortsetzung der fünften Passage.

Mit dem Februar wird der vorletzte Monat der Asienfahrt offiziell angeschnitten. Bis nach Kambodscha ham die Rumpel-Mopeds tatsächlich durchgehalten, wer hätte das für möglich gehalten…

Durch den Laotischen Dschungel

Thailand wurde auf dem Rückweg nach Laos so weit wie möglich links liegen gelassen. Im Endeffekt kann man das Straßenbild von Thailand ohnehin kaum von deutschen Autobahnen unterscheiden. Es sei denn, man fährt ohne Laosvisum zum „Poodoh International Border Gate“, denn Visa-On-Arrival gibt’s nicht überall. Die Folge ist ein Trip für 300km nach Norden. Und zwar über die satt rot in der Karte eingezeichnete Straße 1243. So viel Dirtroad und so wenig Straße gab’s noch nie… 60km keine Menschenseele, roter Staub in den Kühlrippen des Motors (und überall sonst). Aber dafür dieser würzige Geruch von Abenteuer in der Nase, wenn man endlich wieder glücklich Asphalt unter den Pneus hat.

Auf Empfehlung einer gebrochen Deutsch sprechenden Thailänderin wird eine neue Vorgehensweise erprobt und schlussendlich für sehr gut befunden: Buddhistische Klöster als Nachtlager! Wie in allen Klöster auf der Welt kann man hier als Reisender Obdach erbitten. Manchmal mit Händen und Füßen, manchmal in glasklarem Englisch springt schonmal ’ne Nacht im gekachelten, überdachten Tempel vor ’ner Buddha-Statue raus. Sehr empfehlenswert!

Doch was die Laoten den Thais gemein haben, ist das unzureichende Markieren unasphaltierter Hauptstraßen im Kartenmaterial. So waren nun 120km – zu allem Überfluss steil ansteigende – Staubpiste bis Luang Prabang zu überwinden. Mit Müh und Not… Doch darauf folgt eine ganz entspannte Fährüberfahrt über den gigantisch breiten Mekong. Und in Luang Prabang kennt man sich ja schon aus.

Die Kloster-Masche klappt durch ganz Laos wunderbar. Alle 10km erscheint spätestens ein Kloster am Straßenrand. Falls das mal nicht zufällig zum Ende der Tagesdistanz passt, kann man auch schonmal bei ’ner laotischen Familie im Wohnzimmer landen, Bilder anschauen und extrem fehlerbehaftete Englisch-Lernbücher durchackern. Mensch, so können die hier ja nie gescheites Englisch lernen…

Die Berge von Luang Prabang nach Süden sind atemberaubend schön. Die Straße schlängelt sich von Bergrücken zu Bergrücken. Grün bewaldete Berge soweit das Auge reicht. Manche überraschend scharfkantig steil abfallend, manche sanft in ein Flusstal abgleitend. Doch auch das hat spätestens hinter Vang Vieng (Besoffene-Engländer-in-LKW-Schläuchen-aufm-Fluss-Rumdümpel-Hochburg) ein Ende. Dennoch ist auch der Weg durch eine Flussebene bis zurück zum Mekong nicht minder spannend. Die Straße ist gesäumt von Reisfeldern, die gerade neu bepflanzt werden. Man kann sich kaum vor Einachsern mit Holzanhänger retten, doch irgendwie muss man ja zum Reisfeld kommen.

Ein Highlight von Laos und Mekong sind die 4000 Inseln an der Grenze zu Kambodscha: Der Mekong ist hier noch breiter und noch flacher als bisher. Wie der Name schon vermuten lässt gibt es hier „einige“ Inseln im Fluss. Auf der größten der Inseln – Don Khong –  treffen wir Ralf, ein deutscher Teilzeit-Auswanderer, der später für diese Passage von entscheidender Bedeutung sein wird. Aber nicht nur Inseln gibt es hier: Der größte Wasserfall Asiens ist ein echter Hingucker! Die unvorstellbaren Wassermassen werden durch enge Felsspalten gepresst und erkämpfen sich in metertiefem Fall rauschend den Weg nach Süden. Nur die im Strudel gefangenen Plastikflaschen stören etwas das Bild. Aus französischer Kolonialzeit gibt es hier eine alte Eisenbahntrasse, doch heute ist sie beherrscht von Zweirädern jeglichen Pflegezustands. Am Ende selbiger soll man einige der letzten 50 weltweit existierenden Süßwasserdelfine sehen können. Theoretisch… Nichtsdestotrotz sind die Inseln, allen voran Don Det, ein Ort zum Verweilen. Der Mekong fließt gemächlich seinem Fall in den zahlreichen Flussarmen zu. Es gleicht einer Meditation einfach am Ufer zu sitzen und vor dem Dschungelpanorama und den vorbeilatschenden Wasserbüffeln dem Mekonggerausche zu lauschen.

Was wohl nur korrupte kambodschanische Grenzbeamte verstehen, ist, dass man mit vietnamesischen Mopeds zwar in Kambodscha fahren, aber nur von Vietnam, jedoch nicht von Laos einreisen darf. Der dadurch notwendig werdende Umweg über das Bolawen-Plateau ist eine Reise wert. Zwischen Pakse und Attappeu liegt diese Hochebene auf der Kaffee und Durian, Jackfruit und alles, was man sich sonst an asiatischen Früchten vorstellen kann ,wächst. Kaffee ist uns nach einer Tasse diesen Ambrosias in ganz Europa völlig fremd. Es fühlt sich an, als könne man in den Schluck Kaffee reinbeissen… Hmm…

Wie immer ist die Grenzregion ein ganz besonders spannendes Fleckchen Erde. Auf laotischer Seite sieht man mit allerlei Holzfäller- und anderem Industriegerät vollgestellte Siedlungen umgeben von einer ganzen Menge Dschungel. Ein wenig so stellt man sich Goldgräberstädte im Wilden Westen vor. Irgendwie im Aufbruch. Und den Dschungel bei der abendlichen Kipling-Lektüre kann man sich kaum besser vorstellen: Dichtes Buschwerk, eingerahmt von schilfigem, mannshohem Gras mit Puschelspitze und immer wieder hoch herausragende Bäume, von denen Lianen baumeln.

Vietnam ist – und zwar ansatzlos – waldlos. Innerhalb von 2km sieht es komplett anders aus. Die Hügel sind bewirtschaftet, höchstens mal ein paar Büsche, sonst ist nur braunes grasiges Land zu sehen. Die Straßen werden wieder besser. Doch es bleibt nur ein Zwischenstopp.

Kambodscha beginnt problemlos. 30$ fürs Visum. „Zoll? Wofür? Für die Mopeds? Nö!“ Also steht einer Weiterfahrt ins „Kingdom of Wonders“ nichts im Wege. Zum Glück ist Kambodscha ziemlich flach, gut für’s Easy-Rider-Feeling. Doch für die fehlenden Berge als Fotomotiv ist schnell ein Ersatz gefunden: Buschfeuer! Beim ersten Mal ist man irgendwie beunruhigt, wenn 500m neben der Straße irgendwoher Rauch aufsteigt. Beim zweiten Mal in einem schwarzen Aschefeld zwischen Häusern stehend fragt man sich dann, ob das wohl Absicht oder einfach dumm gelaufen ist. Beim dritten Mal, während das dünne mannshohe Gras in Sekunden lichterloh bis an den Asphalt in Flammen steht und der Busch darüber mit seinen grünen Blättern quasi unberührt bleibt, gewöhnt man sich langsam an das Bild. Der unbeeindruckt durchknatternde kambodschanischer Mopedfahrer vermittelt einem dann sogar eine Art von Sicherheit. Es gehört wohl hier dazu.

Doch der Ort in Kambodscha, den alle Welt kennt und an den jeder hier will, eilt auf der Landkarte immer näher: Angkor Wat! Das weltgrößte zusammenhängende sakrale Gebäude. In 10. Jahrhundert erbaut, für 250 Jahre von Dschungel überwuchert und Anfang des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Die Architektur in ihrer perfekten Symmetrie und das gigantische Ausmaß sind einfach unbeschreiblich. Gebaut aus heute dunklem Sandstein sind die Reliefs und Figuren (teils restauriert) unbeschreiblich detailverliebt. Gebaut als Hindutempel, später für Buddha umgeweiht ist das Erscheinungsbild einzigartig. Ohne Mörtel und ohne Holz gebaut herrscht durch die dicken Wände eine angenehme Frische innerhalb der Mauern. Das schadet bei 35 °C und 1.000.000.000 Touristen auch nicht. Doch Angkor Wat ist nur ein Tempel von Hunderten. Und an den Schönsten hat man den Dschungel nicht wegrestauriert. Die Bäume hier sind ohnehin verglichen mit dem deutschen Forst gigantisch. Wenn so ein Riese dann mit seinen platten Wurzel auf einem Sandsteingewölbe trohnt, seine Wurzeln in die Fugen klammert, das Gewölbe völlig aus dem Leim gehend, dann kann man schon mal sprachlos sein.

Doch in Siem Reap gibt es noch deutlich mehr zu sehen: Das Kanta Bopha Hospital. Hier werden Kinder aus ganz Kambodscha komplett kostenlos behandelt. Kostenlos! 85% des Budgets ist aus privaten Spenden finanziert, weil laut WHO Regierungen nur dann Krankenhäuser finanziell unterstützen dürfen, wenn der Patient auch bezahlt… absurd… Doch 80% der kambodschanischen Kinder werden so vor einem sicheren Tod durch Krankheiten bewahrt, die man in Europa bestenfalls noch aus Lehrbüchern kennt.

Auch alte Bekannte kann man treffen: Bookbridge (aahh das kennen wir schon aus Mongolien) ist hier ebenfalls aktiv. In 5 Learning Centers landesweit werden zu einem Spottpreis von 10$ pro Monat Englischkurse angeboten. Es ist wohl mit der elementarste Schritt eine Bevölkerung auszubilden, um ihr aus ihrer von Armut und Korruption geprägten Situation zu helfen. Chapeau…

Wenn man dann noch in Michas Bude (ein etwas betagter deutscher Auswanderer mit freien Zimmern und großem Herz) in ’ner sandigen Seitengasse am Rand des Stadtkerns unterkommt, wird der Aufenthalt in Siem Reap ein ganz besonderer. In einem alten Tuktuk-Fahrer-Haus hat er sich niedergelassen. Die Burschen waren hier nur auf der Durchreise, um schnelles Geld zu machen, dementsprechend sah die Bude aus. Von Rückenschmerzen geplagt, teilt er seine schmale Rente mit der Großfamilie seiner Frau. Als Handwerksmeister kann er mit fast 60 nicht davon ablassen, selbst neue Stromleitungen zu verlegen und das Haus „schick“ zu machen (Spandau-Slang). Dabei rausgekommen sind vier hübsche Zimmer mit Bett, Tisch, Stuhl und kleinem Bad. Die Riesenküche steht allen zur Verfügung, inklusive der Lebensmittel. Es ist schon sehr nah dran am Zuhause-Sein. Terrasse und Balkon des Domizils bieten den Blick auf eine Mangoplantage. Und alles 15min Fußweg vom Zentrum entfernt. Und geschäftstüchtig isser auch noch, der Micha: Er verkauft den besten, größten und gleichzeitig billigsten Hähnchendöner der Stadt. Und zwar aus dem Beiwagen seines Mopeds, direkt am alten Markt. Genau so haben die Asienfahrer ihn auf Ralfs (ach der Typ von Don Khong) Anraten auch entdeckt: Dönerfleisch abschneidend und Khmer so lange auf Berlinerisch zuquasselnd, bis die schon verstanden haben, was er will. Mit der Ruhe, Gelassenheit und Eleganz von King Louie teilt er alles, was er hat, hat immer ’nen trockenen Spruch auf den Lippen und lebt schlichtweg viel besser hier, als in seiner Bude in Spandau. Das gefällt!

Die Reisetipps dieser Ausgabe

  • Don Det und die 4000 Inseln in Laos
  • Bolawen Plateau in Laos
  • Laotische Mönche und deren Klöster
  • Die Tempel um Siem Reap, inkl. Angkor Wat
  • Kanta Bopha Children`s Hospital (http://www.beat-richner.ch/)
  • Michas Dönermoped (steht übrigens zum Verkauf)
  • Michas Domizil – ThayThea’s Home – Kontakt: +855 96 258 5027 oder thaimicha06[at]hotmail.de

Gut Pfad

Oeuf & Wooki

Sippe Assapan, Stamm Treverer, Pfadfinderschaft Süddeutschland, DPV

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3 Kommentare zu Asienfahrt – Sechste Passage

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