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„Wir kamen einst von Avignon und wollten weiter nach Garons“

P1040503Katze berichtet über die Fahrt mit ihrer Sippe vor Ostern. Es führte sie nach Südfrankreich mit einem Kurzbesuch in Garons, der Partnerschaftsgemeinde von Flörsheim-Dalsheim.

Es war bereits dunkel als wir mit dem TGV in Frankreich, genauer gesagt in Avignon, ankamen. Der starke, kalte Wind pustete uns beinahe um und es schien uns fast unmöglich gegen ihn anzukommen.

„Katze, bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind? Du hattest etwas von 20°C aufwärts erzählt und nicht von eisigen Wind direkt ins Gesicht.“ , hörte ich nur noch eine übermüdete Mädchenstimme gegen den Wind fiepen.

Natürlich waren wir an unserem ersten Etappenziel, in Avignon, angekommen, allerdings spät abends, sodass wir uns alle nur noch nach unserem Schlafsack und einer ruhigen Nacht sehnten.

Doch dabei blieb es nicht. Mit den Worten: „Katzeee, ich muss dringend auf’s Klo, ich brauch ’ne Taschenlampe“, wurde ich aus meinem Schlaf gerissen und mit „Mist, ich glaube, ich habe eine Blasenentzündung, gute Nacht!“, in den Schlaf verabschiedet.

Die Vermutung bestätigte sich am nächsten Morgen. Ein Mädel hat eine Blasenentzündung und das auf Fahrt. Es blieb uns nichts anderes übrig, als einen Arzt aufzusuchen. Wir fragten in einer Apotheke nach dem nächstgelegenen Arzt. Man gab uns einen Zettel mit der Adresse des Arztes und sagte uns freundlich, dass wir den Weg finden werden. Wir sind ja schließlich Pfadfinder.

Ein „Pardon madame“ oder „Pardon monsieur“ reichte aus, um die Aufmerksamkeit der Franzosen auf uns zu lenken und ihnen zu erklären, dass wir diese Straße suchen. Immer sehr freundlich und ganz schnell erklärt bekamen wir eine Antwort.

Ein Arztbesuch in Frankreich darf man nicht mit einem in Deutschland vergleichen… Das Wartezimmer gleicht einer Bahnhofshalle, feste Termine braucht man nicht und nach einer Krankenkassenversicherung wird nicht gefragt, man zahlt direkt Bar auf die Hand.

So eigenartig wie es anfangs schien, war es am Ende doch nicht. Ich habe mehrmals versucht dem Arzt zu erklären, dass es sich hier um eine Blasenentzündung handelt und dies bei meinem Pimpf in letzter Zeit öfters auftrat. So ganz hatte er mich nicht verstanden und wollte einen grippalen Infekt o.ä. Ausschließen. Nach einer kleinen Untersuchung und Fragen aus einem englischen Medizinbuch bekamen wir dann endlich unser ersehnten Rezept für ein Antibiotikum gegen eine Blasenentzündung.

Nach dem Arztbesuch erkundeten wir die Stadt und uns beeindruckte eine Sehenswürdigkeit nach der anderen. Sei es der Palais des Papes oder der Pont d’Avignon gewesen, uns überflutete immer mehr das Gefühl endlich angekommen zu sein. Besonders untermalt wurde dieses Gefühl, indem wir immer wieder von Franzosen mit „Bonjour les filles“ oder „Bonjour les scouts“ begrüßt wurden, während wir durch die kleinen, verschlungenen Gassen Avignons liefen und uns von dem Duft frisch gebackener Crêpes verführen ließen.

Mit der Stadt im Rücken und dem Lied „ Sur le Pont d’Avignon“ als Ohrwurm wanderten wir durch die abwechslungsreiche idyllische Landschaft der Region.

Kurz vor dem Wochenende war unsere zweite Zwischenetappe fast erreicht. In Nîmes wurden wir schon von Karin, einem Mitglied des französischen Partnerschaftskomitees, erwartet. Nach einer kurzen Autofahrt erreichten wir Garons.

Ich war aufgeregt, denn ich wusste nicht was mich und meine Gruppe erwartet. Dieses Gefühl ist normal, wenn man auf Fahrt geht. Man kennt die Gegend nur von Reiseführern, Internetrecherchen, evtl. von Erzählungen oder sogar nur von einer Wanderkarte.

Wir waren weiterhin auf dem Weg das Unbekannte zu erkunden und auf verschiedene Art und Weise Gemeinschaft zu erleben. Doch diesmal war unser Ziel nicht mitten in einem Wald, auf einer Wiese, am Meer oder an einem See, sondern die Partnerschaftsgemeinde von Flörsheim-Dalsheim, Garons.

Schon während der Autofahrt konnte man erkennen, dass Garons nicht nur ein kleiner Ort mitten im Nirgendwo ist. So wie Flörsheim-Dalsheim hat auch Garons seine modernen und historischen Seiten. Keiner von uns ahnte, dass dieser Ort einen Flughafen und eine Stierkampfarena besitzt. Während einer kleiner Ortsführung lernten wir die Arena auch von innen kennen und schauten zu, wie junge Männer mittels einer Stieratrappe für einen Stierkampf übten. Entlang der „Grand Rue“ zieht sich ein Teil der alten Stadtmauer, die in dem gleichen Stil wie die alten Häuser Garons, aus Feldsteinen gebaut ist.

Im Gegensatz dazu gibt es natürlich auch die moderneren Häuser mit ihrem südländischen Flair, die uns schon von kleinen Durchreisedörfern oder Städten bekannt sind. Doch Garon strahlt für uns eine ganz besondere Atmosphäre aus.

Es sind nicht nur die großen Weinberge, die den Ort umgeben oder der „Parcours santé“, oder die nette Begrüßung mit ganz viel Essen, die uns erneut das Gefühl gaben an einem Ort angekommen zu sein, wo wir uns wohlfühlten und den wir vorerst nicht mehr verlassen wollten. In Erinnerung bleiben uns vor allem auch die Begegnungen und Erlebnisse, die uns während unseres Aufenthaltes begleiteten sowie die Gastfreundschaft und die Bemühungen des Partnerschaftskomitees in Garons.

Unsere Reise führte uns weiter in die Stadt Nîmes zum Pont du Gard und zum Ausklang einen Tag ans Meer. Egal wo wir uns befanden, die Gastfreundschaft der Franzosen blieb so, wie wir sie in Garons kennengelernt haben.

So erinnere ich mich gerne an den jungen Franzosen am Kassenhäuschen des Pond du Gards, der uns freien Eintritt für das Gelände gab, da wir Pfadfinder sind und zu Fuß unterwegs seien. Oder an einen Busfahrer, der mir erklären wollte, dass die Tickets für seinen Bus nicht gelten und uns letztendlich kostenlos mitgenommen hat, da auch er von uns begeistert war.

Am letzten Tag saßen wir zusammen in einem Park. Man hätte sich beobachtet fühlen können, denn die Spaziergänger schauten nach uns oder schmunzelten uns an. Ein älterer Herr setzte sich sogar extra auf eine Bank in unserer Nähe um uns zuzuhören und bedankte sich am Ende für unseren Gesang.

Anfangs hatte ich Respekt mit einer Gruppe junger Mädels in Frankreich unterwegs zu sein. Doch nach all diesen Erlebnissen fand ich es richtig traurig, das Land wieder verlassen zu müssen.

Merci beaucoup et au revoir!

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Von:

WoHei kam als Spätberufener zum Christlichen Pfadfinderbund Saar. Heute lebt er in Köln, von wo aus es ihn häufig nach Norden zieht. Dort ist er unter anderem als Crewmitglied auf dem bündischen Segelschiff Mytilus unterwegs. Er fotografiert, schreibt und denkt für schwarzzeltvolk.de

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